Die Strasse lag abseits. Sie war nicht schön. Und ihr Schwarz war Dunkelgrau. Tiefe Risse
durchzogen sie, wie ewig unverheilte Wunden. Schmal war sie, weit abgelegen von den breiten Strassen. Fiel der Regen, zogen tausend kleine Rinnsale durch ihren rissigen Teer, vereinigten sich und bildeten allmählich winzige Pfützen.

Sie war eigentlich eher eine Gasse. Und dieser Eindruck wurde bestärkt durch die  steilaufgerichteten Mauern auf beide Seiten hinaus. Sie waren schmutzig, und fast nur noch schattenhaft liessen sich Graffitis erkennen, die wohl vor Jahren gesprayt worden waren. Grell mussten sie gewesen sein. Und grossflächig. Jetzt klebte der Staub und Dreck von Monaten daran und verdeckte sie fast zur Unkenntlichkeit.

Dezember. Leise fiel der Schnee. Stunde um Stunde. Ununterbrochen. Und regelmässig. Es waren grosse Schneeflocken. Sie überdeckten die Strasse, hauchdünn, wie ein weicher Flaum. Und aus dem Flaum wurde ein Teppich, der immer schöner und dichter wurde.

Schritte kamen näher. Sie kamen langsam. Und ziellos. Blieben stehen. Dicht an die Mauer gelehnt, drückte sich ein Körper. Lederjacke. Mit Nieten verziert. Jeans. Lange verfilzte Haare. Hohe Stiefel. Und in der Hand eine Zigarette.

Er kam immer zu dieser Strasse. Immer wenn es dunkel wurde über der Strasse und das Licht des Tages nachliess. Er stand da und schien zu warten. Und er wartete schon lange. Er wusste es selbst nicht, doch irgendetwas zog ihn zu dieser Strasse, jeden Tag von neuem. Über Wochen, Monate. Jahre.

Es war der 24.Dezember. Heute war der der Rummel nicht vorbei, und die Menschen strömten an ihm vorüber. Er stand da und sah sie an. Er sah, wie sie ihre Taschen schleppten. Er sah die  Hast in ihren Augen. Und ihre Ungeduld. Er wusste, sie würden alle an ihm vorbeilaufen. Niemand würde ihm schöne Weihnacht wünschen. Niemand würde sich zu ihm wenden. Er stand da und wäre statt ihm Luft gewesen, dies hätte niemand bemerkt.

Sie würden alle gehen. In ein paar Stunden würden sie zu Hause sein. Geschenke würden verteilt werden. Enttäuschte Gesichter würde es geben, weil ein Wunsch nicht in Erfüllung ginge.  Die Schokolade würde vom Christbaum gegessen werden. Und dann würde jeder in sein Zimmer gehen. Und morgen… Morgen würden sie wieder ihrer Arbeit nachrennen.

Er stand da, und die Strasse leerte sich allmählich. Kälte drang durch seine Kleidung und er spürte, wie sich seine Muskeln verkrampften. Er würde wie jeden Tag gehen. Irgendwohin. Alleine. Vielleicht in einen Warteraum. Heute durfte er vielleicht dort übernachten.

Heute war Weihnacht. Und morgen… an morgen dachte er nicht. Er lebte heute. In diesem Augenblick. Von weither vernahm er die Glocken einer kleinen Kirche. Die Strasse war leer, und dunkel senkte sich die hereinbrechende Nacht über sie. Und er spürte wie eine Träne über seine ausgezehrte Wange rann, zögernd und ängstlich wie ein scheues Reh.

Schritte kamen näher. Er blickte auf und einige Meter von ihm entfernt stand eine Gestalt. Genauso schlank. Mit denselben Haaren. Doch etwas an ihm war anders. Vielleicht seine  aufrechte Haltung. Vielleicht der matte Schimmer in den dunklen Augen. Vielleicht der warme Glanz über dem ausgezehrten Wangen, der alle Narben der Vergangenheit für einige Minuten zu decken vermochte.

Schöne Weihnacht!  Der Fremde kam auf ihn zu, und legte schüchtern die Hand auf seine Schulter: „ Heute soll niemand alleine sein. Heute nicht und morgen nicht. Nie mehr. Komm, wir haben Decken. Eine warme Suppe. Und sogar Kerzen. Bleib nicht alleine draussen. Du gehörst zu uns. Wir gehören zusammen. Du und ich und alle anderen.“



Von weither klang hohl eine Weihnachtsmelodie. Weihnacht. Sein Körper löste sich von der Mauer. Er wusste, morgen würde keiner hierstehen. Morgen nicht, und übermorgen nicht. 2 Paar Stiefel verliessen die Strasse und er spürte, dass er endlich gefunden hatte, was er Tag um Tag gesucht hatte: „ Eine leise Hoffnung..."

Copyright bei  Autorin  Marie-Louise Gambon,  2500 Biel,  geschrieben 1990
1.Publikation, Bündner Tagblatt am 17.Dezember 1990
2.Publikation, Klartext-Arena am 23.12. 2014